
Ein Paradoxon: Viele Deutsche regen sich über Kapitalismus auf, aber beim Konsumieren ist der Preis das wichtigste Kriterium.
Hierzu ein netter Artikel in der NZZ.
Photo under cc via Severinmayr.

Ein Paradoxon: Viele Deutsche regen sich über Kapitalismus auf, aber beim Konsumieren ist der Preis das wichtigste Kriterium.
Hierzu ein netter Artikel in der NZZ.
Photo under cc via Severinmayr.
Die New York Times hat es mit diesen Vorher-Nachher-Bildern, bei denen man per Maus dieselben Ansichten Berlins jeweils zwischen 1989 und 2009 hin- und herziehen kann, definitiv raus. Saucool gemacht.
Hier gehts lang.

Wurde damals groß gefeiert das Buch. Nur warum? Kehlmanns Sprache ist sehr angenehm zu lesen. Die Geschichte durchaus interessant, aber plätschert so ein wenig vor sich hin. Gauß, das Gö Mathematik-Genie (begegnet einem auch ständig hier) und Alexander von Humboldt, der Südamerika bereiste, werden in ihren Leben geschildert. Laut Buchdeckel „zwischen Lächerlichkeit und Größe, Scheitern und Erfolg“. Doch der Humor und Zugang bleibt mir fremd. Vielleicht fehlt auch der bildungsbürgerliche Hintergrund dazu. Jedenfalls kann man es gut lesen und dem Nächsten gefällt es vielleicht besser.
Zwei durchaus lesenswerte Artikel zum ewig währenden Drogendiskurs von Florian Rötzer und John Gray.
Update: Nachdem der britische Drogenbeauftragte David Nutt die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Drogen an die Öffentlichkeit brachte, wurde er direkt von seinem Posten entlassen.
via Telepolis
Wer schon immer Lust hatte eine Rhein-Main-Videoversion des Eple-Videos von Royksopp zu machen, wird hier bestens bedient. Vintage-Postkarten mit dem besonderen Charme der 60er und 70er.

Das Mainzer Rathaus. In echt nie so hübsch anzuschauen.
via Machtdose
Bei Ronny drüben gibts haufenweise Mayday-Mixe aus den Jahren 92-09. War selbst nie auf einer gewesen, aber 95 die ganzen Sommerferien gearbeitet, um mir dann ein vernünftiges Tapedeck zu kaufen für die Frankfurter Mayday. Dann auch die ganze Nacht vor HR3 ausgeharrt, die bis morgens um 6h übertrugen.

Und ja, ich oute mich: Dave Davis hats mir besonders angetan. Eine Stunde ravigster Hardtrance mit getriggerten Flächen, kitschig-hochgepitchten Samples und einfachster Glückseligkeit.
Auch Carl Cox und Cari Lekebush waren seinerzeit super. Cox wuselte sich mit drei Decks durch sein Set und spielte da schon Daft Punk und die Bush-Platten. Lekebush machte mich Afrika Bambaataa bekannt. Danach ging bei mir das Elektrofieber los. Unter dem Rest wird sich bestimmt auch noch die ein oder andere Perle befinden.
Einen Klamottenladen „18 Forever“ zu nennen, auch wenn er vielleicht gar keine nationale Kleidung enthält, ist echt daneben. Und 18 ist auch als Alter nichts, dem man später hinterhertrauert.
Anderes fällt mir hierzu nicht mehr ein. Ich liebe es ja immer wieder in die abseitigsten Subkulturen wie studentische Verbindungen, Volxküchen, Autoschrauber oder sonstwelche reinzuschnuppern. Aber hier die Wiener „High Society“ übertrifft dann doch wieder alles.
Eigentlich sagt die Überschrift schon alles wichtige. Nach dem Tresor gibt es jetzt die zweite Doku über einen deutschen Technoclub: das Stammheim – vormals Aufschwung Ost, über den ich kaum etwas weiß. Für nur zum Feiern war er mir immer zu weit weg, so dass ich ihn nicht erleben wollte/konnte.

Um ignoranten Leuten wie mir oder Zuspätgeborenen dennoch einen kleinen Einblick in die „Factory“ geben zu können, haben die beiden Feiernasen Christine Lyschik und Tim Richter ihr privates Interesse mit Bachelor-Arbeit verknüpft und beglücken morgen im Panoptikum neben den Darmstädter Filmhochschuldozenten auch gleich eine ganze nordhessische Generation.
Zur Party spielen dann Pierre und Konsorten und damit die beiden Rheinhessen nicht alleine da sind, werden sie noch 102nd Century im Gepäck haben. Sollte definitiv cool werden. Oder wie die Mainzer immer sagten: Hinfahren, Einfahren, Abfahren, Heimfahren.
Mehr Infos hier.
Auf Notheen läuft mehr oder weniger das ganze Netaudio-Festival als Livestream – wohl auch die Workshops. Hätte ich mir Berlin auch sparen können

Nach der ganzen Lernerei die letzten Wochen, kann ich mich langsam auf das Netaudio-Festival freuen. Drei Tage volles Programm mit Diskussionen, Workshops und – ganz klar – vielen Partys. Soweit muss das erstmal reichen. Habe noch einiges zu tun bis dahin und verweise auf das Programm und den wundervollen Festival-Sampler mit meinem vorletztwöchigem Lieblingstrack: Normaa – The void night.
Die Headline ist einfach super. Der Inhalt nicht.
Mann geht das ab! Da gefällt auch wieder Dubstep richtig gut. Und das mit den Schildern hochhalten, haben sie wohl aus der Pub-Kultur übernommen. Wenn dort Dart-Meisterschaften sind, halten die auch alle 180-Schilder hoch.
Mehr auf und via BlogtotheOldskool

Leipzig teilt heute dasselbe Schicksal wie Mainz in den 90ern. Beides Städte mit einer ziemlich guten Technoszene, die aber aufgrund ihrer Nähe zu den großen Zentren des Techno immer ein wenig mehr untergingen und nie so richtig wahrgenommen wurden. Nebenbei ist Leipzig auch eine unheimlich schöne, grüne Stadt mit einer, aus Göttinger Perspektive, traumhaften Party-/Club-/Kunst-/ und Musikkultur. Die Mädels und Jungs von FrohFroh sehen das genauso und pushen auf ihrem Blog alles über elektronsiche Musik in Leipzig.
Und weils so schön ist, der Dirketverweis auf den Mod-Civil-Eintrag, die mir mit „Einfachheit gewinnt“ den Track 2008 schlechthin bescherten und von denen hoffentlich noch viel kommen wird.
Statt Party gabs gestern einen langen Videoabend mit Marcuse und diesen beiden Dokus über Adorno. Lässt man die filmischen Mängel und den wieder viel zu pathetischen Sprecherkommentar beiseite, kommt doch zumindest einiges brauchbares an Inhalt herüber. Interessant auch die Verschiebungen zwischen den knapp 20 Jahren Unterschied. Während bei Arte alles wieder linear gezeigt wird, Akteure kaum Zeit bekommen, so ist die ältere Doku langatmiger (nicht langweiliger) und lässt auch ausführlichere Kommentare zu.
Doku 1: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen
Doku 2: Wer denkt, ist nicht wütend
Ein sehr interessantes Gespräch mit dem Soziologen/Philosophen Herbert Marcuse der 1976 schon eine differenzierte Position zur (Computer-)Technik vertritt.
Die Entwicklung der Technologie heute kann zu einem Zustand führen verglichen mit dem 1984 garnichts ist, aber auch zum Gegenteil. [...] Fast alle Ergebnisse der Wissenschaft und Technologie die heute destruktiven Zwecken dienen, können, soweit ich es übersehen kann und wagen kann, auszudrücken, können auch zu emanzipatorischen Zwecken eingesetzt werden.
Teile 2-5 dann auf Youtube weiterschauen.
Um jetzt vernünftig was zur Piratenpartei zu schreiben, fehlt mir die Zeit. Meine Abschlussprüfung ist mir dann doch wichtiger. Aber garnichts zu schreiben, wäre unterlassene (Wahl-)Hilfeleistung. Bis vor kurzem habe ich mit denen noch sympathisiert, da ich dachte, dass es richtig ist, auf Themen hinzuweisen, bei denen die etablierten Parteien nichts zu sagen hatten (oder nichts gutes). Inzwischen hat sich das aufgrund verschiedener Ereignisse geändert – wobei das mit Sensibilität für Netzthemen auch weiterhin wichtig ist. Nur mit „postideologischer“ Ignoranz/Unwissenheit, der Unfähigkeit „Freiheit“ zu definieren (auch da gibt es rechte Freiheit, linke Freiheit und auch die Junge Freiheit
) und einem Laptop mit DSL-Leitung kann man noch lange keine vernünftigen Gesellschaftsvisionen entwickeln, bzw. umsetzen.
Was mich halt am meisten aufregt, ist diese Selbstgerechtigkeit, die auch vor vielen Blogs nicht haltmacht. Da wird ZU RECHT das Video von Rüttgers Ausländerhasstiraden und prügelnden Polizisten durch die Blogs gepostet, aber das mit dem Holocaust-Leugner und die peinlichen Ausreden der Vorsitzenden zum Thema JF werden oft totgeschwiegen.
Um es kurz zu machen: Die Piratenpartei ist (für mich) unwählbar.

Jungle World: „Da zeigt sich dann, wie es um das Demokratieverständnis und die Vorstellung von Meinungsfreiheit bei den Piraten steht. »Unsachlich« ist da alles, was ihnen nicht passt, und gegen solche »Auswüchse« vorzugehen, gehört zur Lieblingsbeschäftigung der Piraten. Zum Beispiel indem sie Twitter-Mobbing gegen missliebige Journalistinnen wie Julia Seeliger organisieren, die es gewagt hatte, in der Taz kritisch über rechte Tendenzen bei den Piraten zu berichten. Oder indem sie das eigene Forum mit flammenden Anklagen gegen den »faschistischen PC-Terror« vollschreiben, der doch tatsächlich vorschreibe, das Wort »Schwarze« statt »Neger« zu verwenden.“
Weiteres bei Spiegel.de, TAZ, hier vor allem die über 300 Kommentare (die an „postideologischer“ Dummheit kaum zu überbieten sind), Spiegelfechter und TAZ.
Wem der ganze postdemokratische Repressionsstaats-Wahlzirkus dann doch zuviel ist, der möge sich Herbert Marcuses „Repressive Toleranz“ durchlesen: „So drohen in einer repressiven Gesellschaft selbst fortschrittliche Bewegungen in dem Maße in ihr Gegenteil umzuschlagen, wie sie die Spielregeln hinnehmen. Um einen höchst kontroversen Fall anzufahren: die Ausübung politischer Rechte (wie das der Wahl, das Schreiben von Briefen an die Presse, an Senatoren usw., Protestdemonstrationen, die von vornherein auf Gegengewalt verzichten) in einer Gesellschaft totaler Verwaltung dient dazu, diese Verwaltung zu stärken, indem sie das Vorhandensein demokratischer Freiheiten bezeugt, die in Wirklichkeit jedoch längst ihren Inhalt geändert und ihre Wirksamkeit verloren haben.“
Foto via Twitter; Piraten-Argumentationsversuche gegen Pulvertoast Teil 1 und Teil 2. Disclaimer: Ich bin nicht Pulvertoast, kann ihre Meinung aber durchaus nachvollziehen.
Hier noch die Tips aus einem älteren Interview mit dem kanadischen Net-/Digital-/Vinyllabel-Betreiber Pheek von Archipel, die ich während des Vortrags aus Zeitgründen nicht mehr nennen konnte. Sind weitestgehend selbsterklärend. Besonders Punkt 4 und 7 gehört jedem Künstler/Betreiber ins Gehirn gebrannt.
Pheek: “1. Starte kein Label, wenn dich niemand signen will. Vielleicht hast du deine Musik zu den falschen Leuten geschickt. Probiere unbekanntere Labels, um Verkaufsmöglichkeiten zu testen. Wenn deine Musik nirgendwo ankommt, gehe zu deinem Plattenhändler und frage nach Feedback des Verkäufers den du kennst, oder frage lokale DJs. Diese Typen bekommen tonnenweise Musik und sie können dir sagen, ob es ein Publikum dafür gibt. Das ist ganz wichtig zu wissen. Schließlich ergibt das die Label-Ästhetik, mit der du es betreiben willst.
2. Warum willst du ein Label starten, wenn du Musiker bist? Versuche herauszubekommen, zu welchem Ziel du willst und kümmere dich drum. Mache ein Konzept und starte nicht einfach ein Label, um Trends zu folgen. Wir brauchen keine schaale Nachmache von anderen.
3. Stelle sicher, dass du schon drei-vier Releases fertig hast. Versuche zuverlässige Künstler zu haben, der einiges an Output haben.
4. Lasse deine Releases mastern. Habe keine Angst davor, in das zu investieren, was auch dein Grund sein sollte ein Label zu starten, nämlich Klangqualität.
5. Ein schneller Weg dein Label bekannt zu machen ist, Remixe von bekannten Künstlern machen zu lassen. Wenn Käufer bekannten Künstlern bei Beatport folgen, kommen sie auf dein Label. Bedenke dass Remixe teuer sind, aber auch eine Investition in die Zukunft. Bekannte Künstler können auch anziehenden wirken auf Leute mit dir zu arbeiten.
6. Sei immer ehrlich zu deinen Künstlern. Pflege deine Beziehungen und bleibe immer höflich, bei Leuten die du signen möchtest.
7. Poste KEINE Werbung und Spam auf MySpace. Das belästigt 99% der Leute, die ich kenne. Wenn deine Musik gut ist, wird sie letztendlich auch so wahrgenommen.
8. Signe Künstler aus verschiedenen Städten, damit sie lokal promoten können und dadurch neue Kontakte entstehen.”
Noch Berlin-übermüdet ging es am Samstag nach Leipzig zum Tag der freien Lizenzen, bei der ich einen Vortrag über die Zukunft von Netlabels hielt. Die beiden anderen Vorträge von Nicole und Jakob führten in Creative Commons ein und beleuchteten die Vor- und Nachteile, besonders solche die im komemrziellen Umfeld entstehen können. Hier nun alle Videos
Nach kurzer Vorstellung erklärt Nicole Ebber was es mit Creative Commons auf sich hat.
Jakob Mertens erzählt von seiner Arbeit als Musikdienstleister und weist auf die Nachteile die Creative-Commons-Lizenzen im kommerziellen Umfeld mit sich bringen.
Noch gepusht von der A2N ging es bei mir spezieller um die Vor-/Nachteile von Netlabels und warum sie auch in Zukunft eine Rolle spielen sollten.
Die Abschlussrunde war aufgrund dreier Ausfälle etwas knapp geraten. Dafür stellte das interessierte Publikum viele Fragen.
Insgesamt war die Veranstaltung super. Die Leute die da waren, interessierten sich für das Thema und bei der anschließenden Party konnte ordentlich getanzt werden. Wobei mich die Qualität der Netlabel-Produktionen – bisher noch wenig mit auseinandergesetzt – stark positiv überraschte. Vielen Dank nochmal an Ariane und Jan für die gute Organisation und die tolle Bewirtschaftung.
Fragen wir uns doch alle. Wo bleibt der Protest, der Aufstand, der Widerstand aufgrund prekärer Arbeitssituationen. Zumindest durch zunehmende Selbstkontrolle, ohne wie „früher“ einen Gegener zu haben, und Individualisierung geht da einiges auch verloren. Bernd-Jürgen Warneken (Die Ethnographie popularer Kulturen, 328) gibt hier mit Hilfe Zygmunt Baumanns eine mögliche Erklärung:
Viele Beobachter sind sich einig, dass hier ein genereller Trend zur Entinstitutionalisierung der gesellschaftlichen Reproduktion mitspiele. „Der Aufseher, der Vorrbeiter, der Lehrer, sie alle verschwinden“, schreibt Zygmunt Baumann; was früher das „Regime der Reglementierung“ geleistet habe, sei nun „Sache der Selbstüberwachung, der Selbstprüfung und Selbstanleitung“. Und diese Anstrengungen, „sich selbst zu formen und zu behaupten“, erzeugen einen ständigen „Schmerz der Unzulänglichkeit“. Nicht Widerstand also, sondern Autoaggression: So wie Arbeitslose sich selbst oft die Schuld an ihrer Situation geben, reagieren offenbar viele Arbeitnehmer auf vermehrte Arbeitsbelastung und ansteigende Entlassunsgwellen mit Versagensängsten und Depressionen.
Zygmunt Baumann Zitate aus: Flaneure, Spieler und Touristen.

8-Bit-Soundchips und Sidstations sind die Wersi-und Hammond-Orgeln des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Nach den gestrigen Vorträgen und Diskussionen zum Thema Netlabels/CC auf der All2gethernow in Berlin, geht es am Samstag in Leipzig weiter. Das EEG veranstaltet zusammen mit der FSFE den Tag der freien Lizenzen.
Ab 19h gibt es dann im Superkronik Vorträge zu den Themen Creative Commons und Netlabel von Nicole Ebber, Amir El-Moawen und mir. Anschließend findet dort Leipzigs erste Netaudio-Nacht statt. Mit dabei: B-Mus von OC-Records, Chrismo, Dubwizard Marko Fürstenberg, Juno6 und anderen.

Mein Vortrag wird sich um die neueren Entwicklungen in der Netaudioszene drehen. Wo sind die Vorteile/Nachteile von Netlabels? Wie sieht ihre Zukunft durch das Auftreten neuer Akteure (Digital-/Hybridlabels) aus? Was können CC-basierte Labels leisten? Und was sollte man beachten, wenn man ein Netlabel laufen lassen will? Meine Erkenntnisse/Thesen/Tips entstanden im Rahmen der Recherchen/Interviews zu diesem Artikel und der gestrigen sehr interessanten Diskussion auf der A2N.
Bin schon sehr gespannt, wie es wird und freue mich einige von euch dort wiederzufinden.

Dolly Parton besang einst das amerikanische Normalarbeitsverhältnis, Max Weber schrieb vom „Geist des Kapitalismus“ und Marquis de Sade, war der erste, der ein (ziemlich perverses/ekliges) Buch rein zur sexuellen Stimulierung schrieb. Die Geburt der Pornographie fand zeitgleich mit der Industrialisierung und dem damit verbundenen Aufstieg des modernen Kapilaismus statt. Statt Romantik geht es beim Porno um möglichst effektiven Triebabbau. Statt balzen, werben und baggern mit ungewissem Ausgang, gibt es den sicheren, dreiminütigen release, der so wunderbar in die Leistungsgesellschaft und damit zum Leistungsethos, das Weber beschrieb, passt.
Jens Hoffmanns wirft in „9to5 – Days in Porn“ den Blick neben die Kamera und bannt eine sehr gelungene Feldforschung auf Film. Die Fehler die die meisten Filmemacher begehen, nämlich total unpassende Bilder zu Gelaber zu zeigen (wo man bei manchen Themen besser zum Radiofeature greift), die Akteure vor Schattenwände zu setzen – damit sie sich bloß nicht in ihr Leben versetzen können – , verkneift er sich glücklicherweise. Das einzige was man beanstanden kann, sind manchmal die Interviews.

Hier wird er trotz intensiver Feldforschung zu oft mit Platitüden abgespeist. Das kann m.E. aber auch kulturelle Gründe haben. Die Europäer im Film erscheinen weniger oberflächlich in ihren Antworten. Stören tut dies kaum, da es die Bilder dann doch verraten, was in den Akteuren vorgeht. Diese entstanden in den Privat-/Geschäftsräumen und am Arbeitsplatz, wobei manchmal alles zusammentrifft. Es gibt für alle nette Spitznamen und Witz hat der Film auch genug (manchmal auch den pubertären, je nach dem in welcher Runde man den Film schaut).
Da gibt es den Punkrock, der seit 30 Jahren in Punkbands spielt, voll witzig rüberkommt und verzweifelt nach einer Darstellerin für „White Trash Whore 36″ sucht, das Porno-Couple (beide aktiv im Biz), die „Legend“ und allerhand Mädels mit den unreflektiertesten Beweggründen Pornactress zu werden („Ich war Tänzerin, bin hübsch aber verdiente viel weniger als meine Kolleginnen, die mit ihren Auftraggbern schliefen. Da dachte ich mir, wenn ich schon Sex haben muss, dann lieber mit Profis und bin ins Biz eingestiegen“).
Das die meisten ziemlich fertig im Leben sind, wird mehr als deutlich, auch wenn ihre Aussagen anderes weißmachen wollen. Immer wieder super sind die Details, die Hoffmann filmt. Eine die „the happiest girl in the life“ ist, aber nach dem Dreh total traurig und verzweifelt auf dem Bett rumliegt, der Kameramann, der mit allerlei Nazisymbolik tätowiert ist, aber seine Frau beim interracial sex filmt, Otto der sexsüchtige Ehemann der permanent am Bier trinken und kiffen ist oder die Ostdeutsche Katja, die sich später vor lauter Geldgeilheit an ihre Fans verkauft. Im Abspann kam jedoch die Einstellungswende.

Einzig zwei Personen fallen völligst aus der Szene raus. Zum einen der sytlishe Fotograf mit Schal um den Hals und die 20-jährige Sasha Grey, die inzwischen auch außerhalb des Biz bekannt wird. Nicht nur dass sie eigene Drehbücher schreibt – ihr Filmausschnitt zeigt eine Art David-Lynch-Porno in dem der Bärenmarke-Bär die Hauptrolle spielt – sie hört New Wave, Plaid, Throbbing Gristle, Aesop Rock mag Filme von Godard, Trier, Herzog und liest Baudrillard.
Neben den Persönlichkeiten und ihren Konzepten alltäglicher Lebensführung, der manchmal auch entgrenzten Arbeit, die andere dazu anhält, eine möglichst fordistische Trennung Arbeit/Freizeit aufrechtzuerhalten, kriegt man eine exklusive Sicht auf die Arbeitsplätze und /-bedingungen – wobei das hier das legale Biz ist. Spätestens dann ist sämtliche Illusion genauso dekontruiert, wie der dienstagmorgendliche Blick auf die menschlichen Reste einer 3-Tage-Wach After Hour. Super Doku, die ich jedem empfehle. Besonders allen Subkulturinteressierten.
Morgen dann die ganz große Demo „Freiheit statt Angst„. Soll man da hingehen? Ich denke nicht. Außer man ist noch ein Volkskundler, Kulturwissenschaftler der alten Schule und kann sich sich für Folklore begeistern.
In der Politik wird solch eine Demonstration kaum für Gedankenänderung sorgen. Das weiß auch der Staat, wenn Demos wirkungsvoll wären, würden sie wahrscheinlich verboten. So übt man sich in repressiver Toleranz, immerhin schadet die Demo auch nicht, Teilnehmer können ihren Druck rauslasen, es gibt eine große Party, denn ohne den spaßigen Eventcharakter, schätze ich wäre kaum jemand da. Sonst gäbe es auch nicht den Trend sich zu schminken, zu trommeln, fantasievoll zu sein und alle demonstrationsfolkloristischen Praxen dort einzubringen.

Immerhin wurde auch mit dem Spaßcharakter geworben – Beleg finde ich leider nicht mehr. Wie es letztens X zu V meinte, als sie ihn nach der Demo zum frühsommerlichen Bildungsstreik anrief und fragte wo er war. Auf seine Antwort, dass er sowas als wirkungslos sieht, meinte sie, dass es doch so viel Spaß gemacht habe und er echt was verpasst hätte. Soviel zur politischen Motivation.
Dann sind wir bei Roberto Blanco und der Love Parade, die wiederum wenigstens ehrlich war. Statt politische Wünsche in Partys umzuwandeln und so zu untergraben, wurde dort direkt eine Party geplant, allerdings mit politischem Anstrich um sie stattfinden zu lassen.
Um es nicht ganz negativ zu beenden. Auch wenn eine Demo politisch nichts bringt, so stärkt sie immerhin das Gemeinschaftsgefühl einer (zarten) Bewegung und bei ausreichender Berichterstattung fangen auch „Fachfremde/Netzfremde“ an, sich für diese Themen zu interessieren und das ist schon was.
Sinnvoller ist entweder der institutionelle Gang, den die Piratenpartei geht, seinen unbedarften Wirkkreis zu überzeugen (Familie, Freunde, Bekannte, Kollegen etc.) oder seine Bundestagsabgeordneten zu nerven. Dann viel Spaß beim demonstrieren.

Kurz bevor der Herbst richtig anfängt, laden die Jungs von Klamauk zum endsommerlichen Open Air im Rechenzentrum ein und bringen ihre ganze Posse mit:
Paul Frick live (Klamauk, Kalk Pets, Tartelet, THE GYM)
Scott live (Klamauk, MBF, THE GYM, Tartelet)
Keinzweiter (Klamauk, spontanMusik, Archipel, Snork Enterprises)
Sven Laux (Klamauk, Archipel, spontanMusik, Multi Vitamins)
Tilman (Klamauk, spontanMusik, Miniatura, Seta Label)
Michael Fluhr (Klamauk, spontanMusik)
Los gehts zur närrischen Zeit um 11h und endet um 23h Uhr. Weitere Infos hier.
„Jura ist nicht da, antiquierte Geschäftsmodelle zu schützen“
Interessantes Interview mit dem Richter Thomas Hoeren zum Urhebberecht (Zeit Online), mit einem kleinen Ausbruch, der doch soviel zur derzeitigen Situation erklärt:
„Das Internet war nie ein rechtsfreier Raum. Dieser schon vor zehn Jahren falsche Reizbegriff wird nur von einigen Medien und Politikern gepusht, die Wahlkampfthemen brauchen. Es gibt Vollstreckungsoasen, Durchsetzungslücken, aber die gehören zum Wesen des Internet, das ja geschaffen wurde, um ein nicht kontrollier- und zerstörbares Kommunikationsmedium im Kalten Krieg zu sein.“

Geschaffen, „um ein nicht kontrollier- und zerstörbares Kommunikationsmedium im Kalten Krieg zu sein“. Der kalte Krieg ist 20 Jahre her. Seitdem leben wir in ziemlicher Freiheit. Aber irgendwie vertragen die Menschen keine Freiheit, wollen sie nicht. Statt glücklich zu sein, werden höchste Gefahren heraufbeschworen (Krieg des Terrors). Alles soll kontrolliert werden. Genauso wie die Mauer als Symbol der Unfreiheit weg gemacht werden musste, muss jetzt das „Internetdingens“ als Symbol der Freiheit de-installiert oder zumindest total kontrolliert werden (zur kompletten Abschaffung, akkumuliert es nämlich viel zu viel Kapital). Denn wie würde „ein nicht kontrollier- und zerstörbares Kommunikationsmedium“ in einen postdemokratischen Repressionstaat passen? Keine Fragen mehr.
Auch schön: Angriff auf die Freiheit
Foto by phsieben under CC