
Dolly Parton besang einst das amerikanische Normalarbeitsverhältnis, Max Weber schrieb vom „Geist des Kapitalismus“ und Marquis de Sade, war der erste, der ein (ziemlich perverses/ekliges) Buch rein zur sexuellen Stimulierung schrieb. Die Geburt der Pornographie fand zeitgleich mit der Industrialisierung und dem damit verbundenen Aufstieg des modernen Kapilaismus statt. Statt Romantik geht es beim Porno um möglichst effektiven Triebabbau. Statt balzen, werben und baggern mit ungewissem Ausgang, gibt es den sicheren, dreiminütigen release, der so wunderbar in die Leistungsgesellschaft und damit zum Leistungsethos, das Weber beschrieb, passt.
Jens Hoffmanns wirft in „9to5 – Days in Porn“ den Blick neben die Kamera und bannt eine sehr gelungene Feldforschung auf Film. Die Fehler die die meisten Filmemacher begehen, nämlich total unpassende Bilder zu Gelaber zu zeigen (wo man bei manchen Themen besser zum Radiofeature greift), die Akteure vor Schattenwände zu setzen – damit sie sich bloß nicht in ihr Leben versetzen können – , verkneift er sich glücklicherweise. Das einzige was man beanstanden kann, sind manchmal die Interviews.

Hier wird er trotz intensiver Feldforschung zu oft mit Platitüden abgespeist. Das kann m.E. aber auch kulturelle Gründe haben. Die Europäer im Film erscheinen weniger oberflächlich in ihren Antworten. Stören tut dies kaum, da es die Bilder dann doch verraten, was in den Akteuren vorgeht. Diese entstanden in den Privat-/Geschäftsräumen und am Arbeitsplatz, wobei manchmal alles zusammentrifft. Es gibt für alle nette Spitznamen und Witz hat der Film auch genug (manchmal auch den pubertären, je nach dem in welcher Runde man den Film schaut).
Da gibt es den Punkrock, der seit 30 Jahren in Punkbands spielt, voll witzig rüberkommt und verzweifelt nach einer Darstellerin für „White Trash Whore 36″ sucht, das Porno-Couple (beide aktiv im Biz), die „Legend“ und allerhand Mädels mit den unreflektiertesten Beweggründen Pornactress zu werden („Ich war Tänzerin, bin hübsch aber verdiente viel weniger als meine Kolleginnen, die mit ihren Auftraggbern schliefen. Da dachte ich mir, wenn ich schon Sex haben muss, dann lieber mit Profis und bin ins Biz eingestiegen“).
Das die meisten ziemlich fertig im Leben sind, wird mehr als deutlich, auch wenn ihre Aussagen anderes weißmachen wollen. Immer wieder super sind die Details, die Hoffmann filmt. Eine die „the happiest girl in the life“ ist, aber nach dem Dreh total traurig und verzweifelt auf dem Bett rumliegt, der Kameramann, der mit allerlei Nazisymbolik tätowiert ist, aber seine Frau beim interracial sex filmt, Otto der sexsüchtige Ehemann der permanent am Bier trinken und kiffen ist oder die Ostdeutsche Katja, die sich später vor lauter Geldgeilheit an ihre Fans verkauft. Im Abspann kam jedoch die Einstellungswende.

Einzig zwei Personen fallen völligst aus der Szene raus. Zum einen der sytlishe Fotograf mit Schal um den Hals und die 20-jährige Sasha Grey, die inzwischen auch außerhalb des Biz bekannt wird. Nicht nur dass sie eigene Drehbücher schreibt – ihr Filmausschnitt zeigt eine Art David-Lynch-Porno in dem der Bärenmarke-Bär die Hauptrolle spielt – sie hört New Wave, Plaid, Throbbing Gristle, Aesop Rock mag Filme von Godard, Trier, Herzog und liest Baudrillard.
Neben den Persönlichkeiten und ihren Konzepten alltäglicher Lebensführung, der manchmal auch entgrenzten Arbeit, die andere dazu anhält, eine möglichst fordistische Trennung Arbeit/Freizeit aufrechtzuerhalten, kriegt man eine exklusive Sicht auf die Arbeitsplätze und /-bedingungen – wobei das hier das legale Biz ist. Spätestens dann ist sämtliche Illusion genauso dekontruiert, wie der dienstagmorgendliche Blick auf die menschlichen Reste einer 3-Tage-Wach After Hour. Super Doku, die ich jedem empfehle. Besonders allen Subkulturinteressierten.