
Torch, Toni L, Boulevard Buo und Linguist aka Advanced Chemistry aus Heidelberg, sind für mich deutscher Hip Hop. Zwar damals schon auf dem Techno-Trip hatte ich das Glück, gleich zwei Plattenläden direkt an meiner Schule zu haben. Neben dem Now! für Techno war es der Nasty Recordstore, der meine Rap-Kumpels mit tighten Beats versorgte und mich dadurch ziemlich früh in den Genuss eben jener Combo aus Heidelberg kommen ließ.
Konträr zu den Kaspern aus Stuttgart und dem rappenden Böhse-Onkelz-Derivat aus Rödelheim verstanden es AC gute politische Texte mit für diese Zeit angemessenen Beats zu verbinden. Hauptsächlich war es der aufkeimende Neo-Nazismus der frühen 90er und das Leben als Migranten, die Vorlagen zu den Texten gaben. Kurz nach der Wende setzte, besonders stark im Osten Ds, eine Renaissance geistiger und politischer menschenverachtender Rückwärtsgewandheit ein, die in den Anschlägen auf ein Asylbewerberheim in Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen ihren Höhepunkt fanden - während in Hoywoj die Menschen Beifall klatschten als die Mollis durch in das Heim geschmissen wurden, kam ein findiger Imbissbudenbetreiber in Rostock auf die Idee, seine Würstschenbude an den Schauplatz zu stellen um die Nazis und ihre Sympathisanten mit Dosenbier und Schweine-Curry zu versorgen. Dazu das wunderbare Stück “Fremd im eigenen Land”, mit meiner Lieblingszeile: “Gehst du eigentlich mal wieder in deine Heimat? Wohin? Nach Heidelberg, wo ich mein Heim hab?” - welche dann als Satire auf dem ersten Album des Rödelheim Hartreim Projekts verendete.
Und gleich weiter mit “Operation Art. 3″ (ähnliche Thematik), welches auf dem Album einen besseren Beat bekommen hat, als in dem Clip.
AC hatten nicht nur politische Texte, auch Tracks wie “Toni der Koch” oder selbstreflexive Stücke über die Hip-Hop-Kultur wie “Alte Schule” und “Kapitel 1″, die eine gute Grundlage sind, um das Lebensgefühl der Zeit als Hip Hop von Amerika mit Filmen wie “Wild Style” und “Beat Street”, einen neuen Schwung in die Ära Kohl brachte. Torch, der 2000 sein Soloalbum “Blauer Samt” releaste (welches ich unbedingt empfehle es zu besitzen) und Toni L, befassten sich in dem Stück “Wir waren mal Stars” wieder selbstreflexiv mit dem deutschen Hip Hop und seiner/ihrer Rolle darin. Ein sehr rührender, trauriger, nostalgischer Text. Witzigerweise fragte ich mich immer warum der Text der vierten Strophe zwar auf der Hülle draufgedruckt ist, aber nicht gerappt wird und warum ich diesen nicht selbst tight über den Beat kriege. Die Antwort ab 3:25Min..
Zur selben Zeit, am selben Ort fing Cora E an zu rappen. Bei der Suche nach ihren Lieblingsstücken, musste youtube leider passen, so dass ich nur “Schlüsselkind” zeigen kann.
AC gaben dann Anfang 98 in der Mainzer Gepäckhalle - die wie die Band nicht mehr existent ist - ein Konzert und verschwanden, bis ich nun endlich über Zufall an das Album rankam, welches ich vorher nur als Tape hatte und nicht bereit war, viel Geld bei ebay auszugeben - und mir ein kleines Revival erlaube.
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Hach ja, das waren noch Zeiten mit Advanced Chemistry, die tatsächlich vor den meisten anderen da waren. Torch haben wir öfter nachts in Heidelberg an unserer Stamm-Döner-Butze gesehen .. naja, es war die einzige, die um die Zeit noch offen hatte ;O) Danke jedenfalls für die coolen Videos!