
Bastian Thüne in De:Bug 126
Wir kennen das ja alles schon. Minimal-Bashing wird zwar dieser Tage immer beliebter, doch wenn man in die Clubs und besonders auf die After Hours geht, herrscht auch 2008 immer noch minimaler Einheitsbrei. Da paart sich gähnende Langeweile mit der langsam vor sich hintrabenden Bassdrum. Vor diesem Hintergrund überrascht und erfreut Jacopo Carreras’ Debüt-Album „From Bed To Couch“ umso mehr. Der in Berlin lebende Produzent und DJ hört zwar gerne Minimal, doch als Produzent reizen ihn andere Dinge. Statt kühler Ästhetik, wenig Bewegung und durch Hallräume geschwängerte Leere, setzt er auf Live-Athmosphäre, Klangfülle und Heterogenität. Musik, die durch ihre Fülle beides ist, für den Club und das Wohnzimmer.
„Für mich ist es unheimlich wichtig, dass die Musik einen vollen Sound hat. Da muss etwas da sein, das ich fühlen kann. Stell dir vor, du hast eine Leinwand und du willst sie anmalen. Du hast deine Farbpalette und kannst ein Schwarz-Weiß-Gemälde draus machen. Aber das ist nicht meine Art. Ich bin der Künstler, der die Farben des Lebens liebt, deswegen habe ich auch so viele Farben in meinen Tracks.“ Ein passender Vergleich, dem der überaus charmante Jacopo gleich hinterherschiebt: „Ich bin leidenschaftlicher Hobbykoch und da ist es wie mit der Musik. Denn wenn ich koche, mache ich gerne reichhaltige Saucen. Deswegen finde ich die deutsche Küche auch so gut. Es muss füllig sein.“
Das Bunte und Reichhaltige seiner Beschreibungen passen zum Leben, aus dem er seine Ideen zieht. Der 32-jährige Italiener wuchs in Rom auf. Zwischen barocker Architektur und dem Psychodelic Rock der Siebziger, spielte er schon früh in Rock- und Jazz-Bands, fing an Techno zu hören; studierte elektroakustische Musik und Komposition in Den Haag, wechselte zur politischen Philosophie und fand in Berlin nicht nur eine inspirierende Heimat, sondern gleich noch „eine zweite Familie“ obendrauf, rund um das Label Lan Muzic.
Unser kurz angesetztes Interview wuchs dann auch zu einem größeren Brunch aus, als die „Familienmitglieder“ zufällig vorbeischauten. Interessante Gespräche über Berlusconi, Open-Source-Innovationen und Zelten an der Ostsee, wie bei diesem Brunch, oder auch das Leben in einer Stadt, die es einem „komplizierten Typ“ wie ihm einfach macht, durchs Leben zu gehen, saugt er auf und setzt sie in Musik um. „Diese konstante Inspiration fordert dich jeden Tag aufs Neue heraus. Berlin ist sehr dynamisch, also musst du es auch sein.“
Der Albumtitel lässt diese Dynamik kaum erahnen. „From Bed To Couch“ klingt eher nach der Programmatik einer Thievery Corporation als nach treibendem Techno, Plaid und clicks`n`cuttigen Breaks-Einschüben, Glockenspiel à la Kompakt oder die im ersten Stück verarbeitete synthetische Reinkarnation eines Jimi Hendrix. Dass in vielen Produktionen Melodien fehlen, ist etwas anderes, das ihm neben zu statischer und komprimierter Musik abgeht: „Ich habe oft das Gefühl andere Musiker denken: ‘Oh, das ist zu melodisch, das lasse ich lieber raus’. Bei mir ist das anders. Ich mag melodische Stücke.“